Alexander Stannigel — hat einige Artikel geteilt:Montag, 27. April 2020
#113
Wird langsam echt Zeit die sozialen Folgen des Lockdowns anzugehen. Im Gegensatz zu den wirtschaftlichen Folgen hilft da nicht einfach mit Geld drauf zu werfen.
Jede/r fünfte Schüler/in wird durch die Schulschließungen und fehlende Homeschooling-Möglichkeiten gerade zurückgelassen
Hilfsorganisationen sind in ihrer Arbeit aktuell ziemlich eingeschränkt
Elternteile haben durch die Kinderbetreuung ein Drittel weniger Einkommen …
… oder sind seit Wochen durch die Doppelaufgabe Homeoffice und Kinderbetreuung/Homeschooling weit über der Belastungsgrenze
«Nach der Schulschließung musste auf einen Schlag der komplette Unterricht digital funktionieren. Das stellte nicht nur Lehrer vor eine Herausforderung, sondern auch viele Familien. (…) Für den Lernerfolg der Schüler ist der Zugang zu einem eigenen Computer in der aktuellen Krise enorm wichtig geworden. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine neue Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft. (…) Deutlich weniger als die Hälfte der befragten 12- bis 14-Jährigen hat alleinigen Zugriff auf einen PC oder Laptop. Diese Kinder sind jetzt besonders benachteiligt.»
(…)
«[In einer] Online-Umfrage der Elternkammer Hamburg, an der über 20.000 Eltern teilnahmen, [gaben] 18 Prozent an, dass die von der Schule geforderte Technik der Familie Probleme bereite. Und das, obwohl an der Umfrage überdurchschnittliche viele bessergestellte und technikaffine Familien teilnahmen. (…) Leihcomputer zum Beispiel gab es für Schülerinnen und Schüler […] jahrelang nicht, erst jetzt sind erste Computer verteilt worden.»
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«Laut einer repräsentativen Umfrage der Robert Bosch Stiftung sagen 37 Prozent der Lehrer, dass sie mit ‹weniger als der Hälfte› oder sogar nur mit ‹sehr wenigen Schülerinnen und Schülern› regelmäßigen Kontakt haben. Die Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft kommt zu dem Ergebnis, dass der digitale Unterricht vor allem für Schüler aus bildungsfernen Familien schwierig ist. Die Schulschließungen wirken sich demnach für die betroffenen Kinder ‹besonders negativ aus und können ihre Entwicklung in substanziellem Maße hemmen›, schreiben die Studienautoren.»
«Den Kindern, die keinen funktionierenden Computer haben und kein Handy, auf dem man PDF-Dateien lesen kann, fehlt es meistens an ganz essenziellen Dingen: Kleidung zum Beispiel, oder Essen, oder sogar das Betrachten von Orten, an denen es keine Plattenbauten gibt. Jahrelang hat Sozialpolitik das Leben dieser Kinder nicht verbessert. Stattdessen wurde ihnen der Aufstieg durch Bildung versprochen. Wenn sie sich nur genug anstrengen würden, gute Noten schreiben, Bücher lesen, dann könnten sie eventuell ‹der Armut entkommen›. Die Schule sollte alle gleich machen, weshalb man versäumte, die Leben der Kinder auch außerhalb der Schule zu verbessern. Man gab ihnen kostenlose Nachhilfe, kostenlose Mitgliedschaften in Vereinen, kostenlose Mittagessen in Schulen – und vergaß dabei völlig, dass es Kindern niemals gut gehen wird, wenn ihre Eltern arm sind. Dass die Ausgrenzung und die psychische Belastung, die aus Armut entsteht, jedes Kinderhirn sowieso verkümmern lassen.»
«‹Über Nacht ist das Hilfesystem in Deutschland zusammengebrochen, alle haben zugemacht und keiner weiß mehr, an wen er sich wenden kann›, sagt Bernd Siggelkow, der [das christlichen Kinder- und Jugendhilfswerk Arche] vor 25 Jahren gegründet hat. Vor dem Beginn der Coronakrise unterstützte und versorgte die Arche deutschlandweit bis zu 4500 Kinder täglich. Doch seit Mitte März sind alle 27 Standorte auf unbestimmte Zeit geschlossen.»
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«Die Ausgangsbeschränkungen treffen finanzschwache Familien besonders schwer. Die kostenfreien Mahlzeiten in Schulen, Kindergärten und Jugendzentren fallen weg. Nun müssen viele Eltern ihre Kinder ganztags versorgen und gleichzeitig ihr Sozialleben auf engstem Raum organisieren. (…) Die Kinderrechtsorganisation appelliert an den Staat, die sozialen Hilfen und Beratungssysteme aufrechtzuerhalten. ‹Es darf nicht sein, dass mit der Verringerung der Zahl der Ansteckungen die Zahl der Kinderschutzfälle steigt›, sagt Melike Yar von Save the Children (…)»
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«‹Du kommst in Geschäfte und da kosten die Nudeln plötzlich 85 Cent statt 45 Cent. Das läppert sich.›»
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«Die Bildungschancen vieler Arche-Kinder werden in den nächsten Wochen weiter sinken. Sie haben ungleich schlechtere Lernbedingungen als viele Altersgenossen. In beengten Wohnverhältnissen ohne eigenen Schreibtisch ist an konzentriertes Lernen kaum zu denken. Viele Eltern möchten helfen, können aber nicht, weil ihnen die Grundlagen oder Sprachkenntnisse fehlen. ‹Studien aus den USA zeigen, dass lange Schulschließungen, die es dort aufgrund der bis zu dreimonatigen Sommerferien gibt, die sozialen Ungleichheiten vergrößern›, sagt Sozialwissenschaftler Marcel Helbig, der als Professor für Bildung und Soziale Ungleichheit an der Universität Erfurt arbeitet, ‹je länger die Schließungen dauern, desto größer können die Ungleichheiten werden.›»
«Sie zerreiben sich zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung und fallen abends todmüde ins Bett. […] Wenn ‹da draußen› die Geschäfte wieder öffnen und das Leben so langsam neu in Schwung kommt, sitzen Eltern mit ihren Kleinkindern weiterhin zu Hause und versuchen, der Arbeit und dem Nachwuchs so gut es geht gerecht zu werden.»
«Und das ohne Perspektive: Kitas müssten noch ‹sehr lange› geschlossen bleiben, sagte der [hessische] Ministerpräsident am Mittwochabend und verwies auf die hohe Ansteckungsgefahr unter Kleinkindern. Die Wahrheit ist aber auch: Es geht einfach nicht monatelang so weiter. Die Arbeit wird immer lauter rufen, die Kollegen werden weniger nachsichtig sein, die Chefs auch, der Jahresurlaub ist aufgebraucht, die Stimmung sinkt.»
«Die Höhe der Entschädigung beträgt 67 Prozent des Netto-Verdienstausfalls; für einen vollen Monat wird jedoch höchstens ein Betrag von 2.016 Euro gewährt, selbst wenn dieser Betrag unterhalb der 67 Prozent-Grenze liegt. Gezahlt wird die Entschädigung für längstens 6 Wochen.»
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«Arbeit von Zuhause soll nach der Gesetzesbegründung als ‹zumutbare Betreuungsmöglichkeit› gelten. Beschäftigte, denen Arbeit von Zuhause zumutbar ist, werden von dem Recht auf Entschädigung ausgeschlossen. Bei Kindern im Kita- und Grundschulalter kann wohl kaum davon die Rede sein, dass Arbeit von Zuhause und Kinderbetreuung gleichzeitig möglich sind. (…) Gerade die Doppelbelastung durch Homeoffice und Kinderbetreuung ist für Eltern von kleineren Kindern eine wahre Zumutung – erst recht wenn sie über Wochen andauert.»
«Die Soziologin Nina Weimann-Sandig von der Evangelischen Hochschule Dresden warnt davor, dass es für Eltern zunehmend schwerer werde, berufliche, schulische und private Verpflichtungen aller Familienmitglieder unter einen Hut zu bringen. Sie ist sich sicher, dass die Coronazeit langfristige negative Auswirkungen auf das Familienleben im Freistaat haben wird. ‹Meine Hypothese ist, dass sich viele Familien mittlerweile am Rande eines Burn-out befinden. Das verursacht auf Dauer schwerwiegende gesundheitliche Probleme›, sagt sie.»
«Einer der Gründe für die anhaltende Überforderung: Während durch die Lockerungen der Coronabeschränkungen die Betriebe schrittweise wieder öffnen, bleiben Schulen und Kitas vorerst weitgehend zu. Folglich steigt die Belastung für den Elternteil, der weiterhin von zu Hause aus arbeitet.»
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«Gleichzeitig gab ein Drittel der Eltern schulpflichtiger Kinder an, das geforderte Unterrichtspensum kaum noch mit den Kindern bewältigen zu können. Zu Beginn der Befragung lag dieser Wert bei rund 25 Prozent. Kinder aus sächsischen Familien, in denen die Eltern ein eher niedriges Bildungsniveau haben, leiden besonders stark. So sind rund zwei Drittel der Eltern ohne Schulabschluss und die Hälfte mit Hauptschulabschluss mit dem Homeschooling voll oder eher überfordert. Unter den Teilnehmern mit Hochschulabschluss ist es nur etwa ein Drittel.»
«Einem Entwurf zufolge, welcher der Süddeutschen Zeitung vorliegt, soll die Zahl der Corona-Tests auf bis zu viereinhalb Millionen pro Woche gesteigert werden. Offenbar sollen künftig auch Menschen getestet werden können, die keine Symptome einer Covid-19-Erkrankung zeigen. Solche flächendeckenden Untersuchungen sollen ‹die stufenweise Rückkehr zum normalen Wirtschaftsleben› ermöglichen, heißt es in dem Papier.»
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«Auch Tierärztinnen und Tierärzte sollen im Falle einer ‹epidemischen Lage von nationaler Tragweite›, so wie jetzt, mit ihren Laboren helfen dürfen, Tests auszuwerten.»
Alexander Stannigel — hat drei Artikel geteilt:Montag, 20. April 2020
#111
Die europäische #Covid19-Tracing App wird gerade mit Schwung und Vorsatz gegen die Wand gefahren, weil einige jede Gelegenheit zum Ausbau des Überwachungsstaats nutzen wollen. Erst werden ohne Notwendigkeit alle Privatsphäreaspekte gestrichen sowie aus einer offenen eine geschlossene Anwendung gemacht und damit die ganzen Fachleute vertrieben. Und hinterher werden die dafür Verantwortlichen das Scheitern auf den Datenschutz schieben.
Bleibt nur zu hoffen, dass die DP3T-Entwickler trotz der Sabotage staatlicherseits eine vernünftige alternative App hinbekommen.
«DP3T (Decentralized Privacy-Preserving Proximity Tracing) startete ursprünglich an der EPFL und der ETH Zürich und ist ein offenes Protokoll für Open-Source-Apps und Server, die auf Bluetooth-Basis ‹COVID-19 Proximity Tracing› zur Verfügung stellen wollen. DP3T ist (…) laut seinem Projektteam ursprünglich eines der Protokolle ‹unter dem weiten Schirm› von PEPP-PT ‹und nicht das einzige›, so die Verfasser eines DP3T-Projektdokuments.»
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«Verschiedene weitere Vorhaltungen via Twitter, etwa vom DP3T-Entwickler Kenneth Paterson, Professor und Leiter der ‹Applied Cryptography Group› an der ETH Zürich, lauten: ‹Ihr System [d.i. PEPP-PT] ist geschlossen und kann von externen Experten nicht begutachtet werden. Wir können uns keine Spezifikation anschauen, keinen Code. Das System könnte also auch voller Bugs sein. Es könnte eine Hintertür für Geheimdienste haben. Niemand ausserhalb ihres geschlossenen Projekts kann das beurteilen.›»
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«Gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung äußerte sich [der Experte für ‹Digitale Epidemiologie› Marcel Salathé, Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (ETHL/EPFL)], dass seit der gemeinsamen Ankündigung von Google und Apple und ihrer Unterstützung für einen dezentralen Ansatz ‹ich das Gefühl habe, dass für den zentralen Ansatz viel Lobbying betrieben wird. So nach dem Motto: Wir lassen uns von Google und Apple nicht vorschreiben, welchen Ansatz wir zu nutzen haben.›»
«Am Samstag twitterte der Informatik-Professor Cas Cremers dann, dass sich CISPA [Helmholtz-Institut für Informationssicherheit] ebenfalls zurückgezogen habe. Man werde aber weiter an DP3T und damit an einem Rahmenwerk mit ‹Privacy by Design› arbeiten. Ciro Cattuto vom ISI [Turiner Forschungsstiftung] erklärte am Sonntag auf Twitter, PEPP-PT habe zwar die öffentliche Debatte über Contact-Tracing maßgeblich geprägt. Unklarheiten rund um die Steuerung und die Kommunikation hätten aber Bedenken hervorgebracht. In der laufenden Gesundheitskrise seien ‹höchste Standards für Offenheit und Transparenz› entscheidend.»
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«Der Krypto-Experte Kobeissi spricht von einem ‹in sich widersprüchlichen Design›. Dabei hänge so viel von dem Vertrauen ab, das die Nutzer in die Institution im Zentrum legen müssten, dass von einer ‹starken oder zumindest ernsthaften und realistischen Herangehensweise an die Privatsphäre› der Teilnehmer wohl kaum eine Rede mehr sein könne.»
Alexander Stannigel — hat zwei Artikel geteilt:Montag, 20. April 2020
#110
Gut, wenn in Deutschland anderthalb mal soviele #Covid19-Tests durchgeführt werden, als in Südkorea. Allerdings hat Südkorea auch frühzeitig reagiert und bis jetzt weder einen Lockdown wie in Deutschland oder gar einen Shutdown wie Italien und Spanien gebraucht.
«Um Menschen mit einer Corona-Infektion schneller identifizieren zu können, setzt Sachsen jetzt auf einen deutlichen Ausbau der Testkapazitäten. ‹Die Erhöhung auf 15.000 Tests pro Tag wird aktuell vorbereitet›, teilte das Sozialministerium auf Anfrage der ‹Freien Presse› mit.»
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«Die 15 Labore im Freistaat verfügten mit ihren Außenstellen über eine Gesamtkapazität von 5600 Tests pro Tag.»
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«Schon jetzt gehört Deutschland zu den Ländern mit den höchsten Testquoten. Laut einer Studie der Oxford-Universität liegt die Zahl der Tests auf 1000 Einwohner hierzulande bei 15,97, in Südkorea dagegen bei 9,77. (…)»
«Auf Südkorea schaut derzeit die halbe Welt, weil das Land es nach einem heftigen Ausbruch im Februar mit zeitweise über 900 täglich neu erkannten Corona-Fällen geschafft hat, die Zahl der Neuerkrankungen zu senken – auf jüngst um die 60 täglich. Das gelang sogar, ohne die Gesellschaft und die Wirtschaft weitgehend einzufrieren, wie es derzeit in Europa passiert. Die Eckpfeiler der Südkorea-Strategie: Massentests, konsequente Rückverfolgung von Kontaktpersonen, strikte Isolierung von Infizierten, Bewegungsüberwachung mittels Handy-Profilen und nicht zuletzt ein Sensibilisieren der ganzen Bevölkerung.»
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«Das Papier führe aus, es sei ‹überfällig› Testkapazitäten in Deutschland so weit wie möglich zu erhöhen, berichten ‹Süddeutsche›, NDR und WDR. Das Testen und das konsequente Isolieren infizierter Personen sei der wichtigste Pfeiler im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus. Die Tests müssten auch alle Kontaktpersonen einer positiv getesteten Person einbeziehen sowie Personen, die von sich aus den Verdacht haben, angesteckt zu sein.»
«Dem Rückverfolgen von Kontaktpersonen positiv Getesteter sei perspektivisch computergestützt auf die Sprünge zu helfen. Auch sogenanntes Location-Tracking von Mobiltelefonen könne zum Einsatz kommen. Exakt so setzt Südkorea, wo derzeit sämtliche Handys überwacht werden, die Suche um. Per App werden dort sogar automatisch alle Personen benachrichtigt, wenn sich eine nachweislich infizierte Person in ihrer Nähe befindet.»
«[…] Außer bei Gymnasien, Universitäten und Berufsschulen gab es [in Schweden] keine Schließungen. Lediglich für Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern gilt seit Ende März ein Verbot sowie seit Anfang April für den Besuch von Pflege- und Altersheimen. (…) In Stockholm herrscht weiterhin reges Treiben an den Tischen der Restaurants und Cafés. Sogar seine unmittelbaren Nachbarländer Dänemark, Finnland und Norwegen halten es anders.»
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«Der Bonner Virologe Hendrik Streeck […] betont, dass alle großen Ausbrüche mit bestimmten Ereignissen zusammenhingen, wie etwa einem Fußballspiel in Norditalien, Après-Ski im österreichischen Ischgl, einer Karnevalssitzung im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen oder dem Starkbierfest im schwer betroffenen Kreis Tirschenreuth in Bayern. Vielleicht hatte Schweden einfach nur Glück, weil ihm eines dieser sogenannten Superspreading Events erspart geblieben ist.»
«Nach Meinung anderer Experten sind es womöglich auch besondere demografische Faktoren in Schweden, welche den Verlauf der Epidemie positiv beeinflusst haben könnten. So sind etwa mehr als die Hälfte der Haushalte in Schweden Ein-Personen-Haushalte. Auch ist die Bevölkerungsdichte in dem skandinavischen Land viel niedriger als etwa in den Niederlanden und Großbritannien, die es beide anfangs auch ohne strenge Eindämmungsmaßnahmen probiert hatten. Ein Virus verbreitet sich einfacher in dicht besiedelten Gegenden. Auch das würde dafür sprechen, dass das schwedische Modell nicht ohne Weiteres auf andere Länder übertragbar ist.»
«Ein Schwarzer Schwan ist demnach ein Ereignis, das weit außerhalb der regulären Erwartungen liegt und enorme Auswirkungen hat. Zudem neigt die menschliche Natur dazu, im Nachhinein nach Erklärungen für das Unerwartete zu suchen, nicht jedoch im Voraus. Beispiele sind der 11. September, der Fall der Berliner Mauer oder die Erfindung des Internets.»
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«‹[Die Modelle der Ökonomen] sind komplett wertlos›, meint Taleb, der selbst an der Wall Street als Finanzmathematiker und Fondsmanager gearbeitet hat und sich stets weigerte, Prognosen abzugeben. Heute ist Taleb Professor für Risikoanalyse an der Universität von New York, sein Spezialgebiet ist der Umgang mit Phänomenen wie Zufall, Unsicherheit und Nichtwissen. Den Ökonomen hält er vor, dass ihre Modelle statistische Ausreißer systematisch ignorieren. (…)»
«(…) Wählt man 100 Menschen zufällig aus und misst deren Körpergröße, so wird das Hinzutreten des größten Mannes der Welt, selbst wenn er drei Meter groß wäre, den gemessenen Durchschnitt kaum verzerren. (…) Die größte Beobachtung mag hier zwar beeindruckend sein, für die Gesamtsumme bleibt sie aber bedeutungslos. (…) Erfasst man beispielsweise das Vermögen dieser 100 zufällig ausgewählten Menschen und fügt nun zu der Stichprobe den reichsten Mann der Welt hinzu, dann wird der Durchschnitt explodieren. (…) Dort kann ein einzelnes Ereignis alle anderen dominieren.»
(…)
«‹Eine kleine Zahl Schwarzer Schwäne erklärt so ziemlich alles in unserer Welt, vom Erfolg von Ideen und Religionen über die Dynamik geschichtlicher Ereignisse bis zu Elementen unseres persönlichen Lebens.› (…) So hatte er bei Ausbruch des Libanon-Krieges – für Taleb ein Schwarzer Schwan, der aus dem Nichts aufgetaucht war – beobachtet, dass sich die Erwachsenen um ihn herum sicher waren, dass der Konflikt ‹schon in ein paar Tagen› vorbei sein würde. Der Krieg dauerte schließlich 15 Jahre. ‹Die Dynamik des Libanonkonflikts war offensichtlich nicht vorhersehbar gewesen, aber fast alle, denen die Sache wichtig war, schienen überzeugt zu sein, dass sie wissen, was vor sich geht.›»
(…)
«‹Die Globalisierung könnte den Anschein von Effizienz erwecken, doch die dabei wirkende Leverage und Interaktion zwischen den Teilen werden dazu führen, dass kleine Risse an einer Stelle sich durch das ganze System ausbreiten.› (…) Für die New Yorker waren die Anschläge vom 11. September ein Schwarzer Schwan, nicht aber für die Attentäter. Für modellgläubige Ökonomen war die Finanzkrise ein Schwarzer Schwan, nicht aber für Taleb. Für ihn war die Krise lediglich ‹das Ergebnis von Fragilität von Systemen, die blind gegenüber Schwarzen Schwänen sind›. ‹Manche bezeichnen die Pandemie […] als Schwarzen Schwan – also ein völlig unerwartetes Ereignis, auf das nicht vorbereitet zu sein entschuldbar ist. […] Eine globale Pandemie [ist] dort klar und deutlich als weißer Schwan figuriert – als ein Ereignis, das mit Gewissheit irgendwann eintreffen wird. Solche Pandemien sind unvermeidlich, (…)›»
Alexander Stannigel — hat ein Video geteilt:Freitag, 10. April 2020
#107
Ach guck, wir hätten genauso vorbereitet sein können wie Taiwan. Bereits 2012, vor 8 – in Worten: ACHT – Jahren hat die Bundesregierung unter Federführung des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe eine Risikobewertung eines aggresiveren Corona-Virus, als SARS-CoV-II dieser Tage, durchführen lassen.
Die Bundesminister des Innern Hans-Peter Friedrich (CSU, bis Ende 2013), Thomas de Maizière (CDU, bis Anfang 2018) und Horst Seehofer (CSU) sowie für Gesundheit Daniel Bahr (FDP, bis Ende 2013), Herrmann Gröhe (CDU, bis Anfang 2018) und Jens Spahn (CDU) haben den Erkenntnissen aus dem eigenen Haus offenbar nur niedrige Priorität zugewiesen.
«2013 [sic!] führte das Robert-Koch-Institut eine Simulation durch – ein Planspiel mit einem noch viel gefährlicherem Virus und seinen Folgen. Auf 33 Seiten wird ein Szenario ausgemalt, dass ein einziger Alarm ist – oder hätte sein müssen. Wo es schlimm und wo es knapp wird. Seit sieben Jahren kann man schwarz auf weiß lesen, was zu tun ist – oder zu tun gewesen wäre.»
«‹Der Erreger Modi-SARS wurde erst wenige Wochen vor dem ersten Auftreten in Deutschland entdeckt,› steht da.»
«‹Die zweite Version des Geräts, deren Sauerstoffverbrauch im Vergleich zur ersten Version um 70 Prozent reduziert werden konnte, […] wurde in der vergangenen Woche […] in Großbritannien zugelassen.›»
«Details, die für die Herstellung des Geräts benötigt werden, sind für mögliche Hersteller frei zugänglich. ‹Regierungen, relevante Hersteller aus der jeweiligen Branche, Akademiker und Gesundheitsexperten können Zugang zu den Designs beantragen, um die Qualitätskontrolle bei der Herstellung sicherzustellen.›»
(…)
«[Bei Mercedes-Benz High Performance Powertrains in Brixworth werden] täglich 1.000 Stück produziert. (…) ‹Derzeit werden 40 Maschinen für die Herstellung von CPAP-Geräten verwendet, die normalerweise Kolben und Turbolader für die Formel 1 produzieren würden. Hierzu wurde das gesamte Werk in Brixworth für diesen Zweck umgestellt.›»
Alexander Stannigel — hat zwei Artikel geteilt:Freitag, 3. April 2020
#105
Das darf natürlich nicht vergessen werden: Es ist keine «Hoffnung», dass Grund- und Bürgerrechte, genauso wie die innereuropäische Freizügigkeit vollständig wiederhergestellt werden – das ist vielmehr die «Erwartung» und «Forderung».
«Natürlich muss in derartigen Notsituationen auf Fachleute gehört werden - aber eben nicht allein auf medizinische. Sondern auch auf politische Profis mit sozialer Expertise (was übrigens führende Virologinnen ähnlich sehen). […] Natürlich ist es eine Abwägungsfrage, ob eine Ausgangssperre sinnvoll ist. Die Antwort wird wissenschaftlich und politisch gefunden werden müssen, aber wer […] so tut, als sei das Härteste und Extremste die einzige Alternative, kommuniziert wenig verantwortlich. Sondern vernunftpanisch. (…) Es bedeutet nämlich: Wenn der richtige Notfall eintritt, ist eine übergroße Mehrheit bereit, Grundrechte über Bord zu werfen. Und Leute übel zu beschimpfen, die das auch nur diskutieren wollen. Die Vernunftpanik verhindert Debatten. Dabei ist auch eine sinnvolle Grundrechtseinschränkung eine Grundrechtseinschränkung, über die diskutiert werden kann und muss. […] Meiner Erfahrung nach sind dauerhafte Grundrechtseinschränkungen viel leichter durchsetzbar, wenn es Präzedenzfälle gibt. Und solche Einschränkungen sind Einbahnstraßen, es wird immer nur schärfer, aber fast nie lockerer.»
(…)
«Bei der Pressekonferenz der Bundesregierung stellte jemand die Frage, ob die Grenzen nach der Coronakrise wieder geöffnet würden. Angela Merkel antwortete: ‹Ja, hoffentlich.› Es klang eher nach einem Wunsch als nach einer Überzeugung. Es werden nicht nur viele, viele Tote zu beklagen sein. Auch die gesellschaftlichen Spätschäden von Corona werden umfassend und tief sein, und es ist nicht falsch, jetzt darüber zu sprechen. Aber es ist falsch, die eigene Vernunftpanik für das Maß aller Dinge zu halten.»
«Im Rest Deutschlands riskiert man mit der einst alltäglichen Handlung ein Bußgeld. […] Ob diese Maßnahme verhältnismäßig ist, danach fragt keiner mehr. Ob sie etwas im Kampf gegen Corona bewirkt, ist zweitrangig. (…) Ordnungsämter und Polizei sind nicht zimperlich bei der Umsetzung der Maßnahmen […] Maß und Mitte sind verloren gegangen, die demokratischen Sicherungen scheinen durchgebrannt. Wo und wie soll das enden? Das sind Fragen, die in Deutschland nur eine Minderheit umzutreiben scheinen, während die Politik schon mit einer härteren Gangart droht. Es regiert die nackte Angst. Und weil der Rechtfertigungsdruck mit jedem Tag steigt, verschärft sich auch die Rhetorik des RKI-Präsidenten Wieler (‹Uns drohen italienische Verhältnisse›) und des Innenministers Seehofer (‹Nichthandeln kann Millionen von Toten bedeuten›). (…) Die deutsche Bevölkerung macht gerade ihr Rendezvous mit dem Polizeistaat. Wer sich im öffentlichen Raum bewegt, macht sich verdächtig, muss sich im Zweifel rechtfertigen.»
Alexander Stannigel — hat einen Artikel geteilt:Montag, 30. März 2020
#104
Mal eben CPAP-Beatmungsgeräte reverse-engineered und eine Produktslinie für 300 Stück pro Tag aufgestellt.
Ein Formel 1-Werk ist natürlich auch ein anderes Kaliber an Technologie und Flexibilität, als ein normales Pkw-Werk, die sich da wesentlich schwerer tun.
«Weil die Motorsport-Welt derzeit ohnehin stillsteht, nutzen viele Formel-1-Teams ihre freien Kapazitäten, um ihre Hilfe anzubieten. Unter dem Label ‹Project Pitlane› bündeln die sieben in Großbritannien ansäßigen Formel-1-Teams — Mercedes, Red Bull, McLaren, Renault, Williams, Racing Point und Haas — ihre Ressourcen, um im Kampf gegen Corona zu helfen.»
(…)
«Mercedes zusammen mit Wissenschaftlern des University College London in nur vier Tagen das erste Gerät für die CPAP-Beatmung produziert. […] Mercedes hat dafür eine existierende CPAP-Maschine dekonstruiert und verbessert. Es heißt, dass das Team die Kapazitäten hätte, um 300 Stück am Tag zu produzieren. Wenn andere Teams ebenfalls mitmachen, könnte man mit einer Woche Vorlaufzeit 1.000 Stück am Tag produzieren, glaubt man. […] Noch in dieser Woche sollen klinische Tests mit den Geräten durchgeführt werden, sodass sie bereits am Ende der Woche in allen Landesteilen einsatzbereit sein könnten. Die Gesundheitsbehörden haben bereits Grünes Licht für einen Einsatz gegeben.»